Jodel-Tradition im Aufbruch

Wie sich das Jodeln neu erfindet

Wer beim Jodeln nur an Trachten, Alphörner und Bergkulissen denkt, verpasst eine spannende Entwicklung. Die traditionelle Gesangstechnik erlebt eine echte Renaissance – nicht nur in Jodlerklubs, sondern auch bei jungen Menschen in modernen Chören.

Foto: Peter Wehrli, Eidg. Jodlerfest Basel

Seit 2025 gehört die Schweizer Jodeltradition zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO und erfährt dadurch neue Aufmerksamkeit. Moderne Einflüsse und Strömungen sorgen dafür, dass sich das Brauchtum stetig weiterentwickelt – trotzdem bleibt das Jodeln ganz tief in der Schweizer Kultur verwurzelt und verbindet Generationen wie kaum eine andere Tradition.

Mehr als ein Ruf über die Berge: Ursprünge und Geschichte des Jodelns

Jodeln zeichnet sich durch den schnellen und gekonnten Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme aus. Ursprünglich diente die besondere Gesangstechnik unter anderem dazu, über weite Distanzen zu kommunizieren – etwa von Alp zu Alp über Täler hinweg. Unterschiedliche Formen des Jodelns als eine Art Signaltechnik gab und gibt es aber nicht nur in den Alpenregionen, sondern auch in Afrika, Asien, im schottischen Hochland oder in den Pyrenäen. Die Schweiz entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Zentren der Gesangstradition, wozu auch die Gründung des Eidgenössischen Jodlerverbands 1910 einen wichtigen Beitrag leistete. Der Verband vereint heute landesweit rund 12‘000 aktive Jodler in über 700 Gruppen, Formationen und Chören, zu denen auch Fahnenschwinger und Alphornbläser gehören. Laut Schätzungen gibt es insgesamt sogar rund 20‘000 aktive Jodler in der Schweiz. Man unterscheidet in der Schweiz zwischen dem Naturjodel – dem ursprünglichen Hirtenruf ohne Text – und dem Kunstjodel mit einem Text in drei Strophen und gejodeltem Refrain.

Foto: Andreas Huber, Eidg. Jodlerfest Basel

Frischer Wind für eine lebendige Tradition

Dass Jodeln auch in der heutigen Zeit Emotionen und Interesse weckt, zeigen viele neue Projekte und Interpretationen. Junge Jodler verbinden traditionelle Klänge mit anderen Musikstilen wie Pop, Jazz, Rap oder Volksmusik und experimentieren mit neuen Konzertformaten. Auch Jodeltexte aus einer neuen Perspektive finden mehr und mehr Anklang, so zum Beispiel die des ersten feministischen Jodelchors «Echo vom Eierstock». Die Jodlerinnen greifen traditionelle Jodellieder auf, in denen Männer als «echte Mannsbilder» und Frauen als «äs liebs Müeti» besungen wurden, und versuchen, die Texte mit einem Augenzwinkern in die heutige Zeit zu übertragen. Die Themen reichen von Vielfalt und Gleichberechtigung bis zum gesellschaftlichen Wandel in der eigenen Heimat. Das Spannungsfeld zwischen Bewährtem und dem frischen Wind ist gross und nicht überall stossen die modernen Formen auf Zustimmung. Trotzdem zeigt die Entwicklung: Jodeln erfindet sich immer wieder neu und begeistert bis heute Menschen aller Generationen.

So gelingt der Einstieg ins Jodeln

Wer Jodeln in seiner Freizeit ausprobieren möchte, braucht weder eine Gesangsausbildung noch jahrelange Erfahrung. Viel wichtiger sind die Freude am Singen, Geduld und die Bereitschaft, sich auf eine ungewöhnliche Technik einzulassen. Am einfachsten gelingt der Einstieg in einem der zahlreichen Jodlerklubs oder in einem Einsteigerkurs. Zu Beginn lernt man dort die richtige Atemtechnik und den Wechsel zwischen den Stimmlagen. Viele der Klubs bieten auch unverbindliche Schnupperabende an. Wem das Gemeinschaftsgefühl besonders wichtig ist, der findet auf der Seite des Eidgenössischen Jodlerverbands alle aktuellen Veranstaltungen rund ums Jodeln, um erste Kontakte zu knüpfen.

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